Blue Mind – warum Wasser unsere Psyche beruhigt

Seit jeher suchen wir Menschen das Meer auf. Doch hinter diesem Aufsuchen des prächtigen Blaus steckt weit mehr als oftmals bloße Urlaubsstimmung. Wasser verändert unseren mentalen Zustand. Und das meine ich nicht metaphorisch, sondern wirklich real und messbar.

 

 

 

 

Warum Wasser psychisch regulierend wirkt

 

 

Der moderne Alltag hält das Gehirn dauerhaft beschäftigt. Eine Flut an Informationen, überall Bildschirme, Geschwindigkeit und ständige Erreichbarkeit sorgen dafür, dass das Nervensystem kaum noch echte Ruhephasen erlebt.

Wasser wirkt da gegensätzlich.

Der gleichmäßige Rhythmus von Wellen, die Weite offener Wasserflächen und die monotone Geräuschkulisse wirken direkt auf unser Nervensystem. (Ja, „monoton" kann auch gut tun.) Stressreaktionen nehmen ab, der Puls beruhigt sich, mentale Überlastung reduziert sich spürbar.

Natürlich hat die moderne Forschung auch dafür einen Begriff: Blue Mind.
Geprägt vom Meeresbiologen Wallace J. Nichols, beschreibt er einen neurologischen Zustand ruhiger Aufmerksamkeit, den Wasser im Menschen auslöst – das Gehirn ist weder überstimuliert noch abgestumpft, sondern findet einen Modus, den es im Alltag kaum noch kennt.

Studien zu sogenannten Blue Spaces – also Meere, Seen, Flüsse, eben Gewässer – zeigen Zusammenhänge mit geringerem Stress, stabilerer Stimmung und höherem emotionalen Wohlbefinden.
Wasser ist oftmals nicht noch ein weiterer Stimuli für uns Menschen, sondern reguliert auf eine besondere, vertraute Weise.
Viele von uns kennen das Gefühl: der Spaziergang am Strand, um den Kopf frei zu bekommen oder einfach fürs stille Wohlgefühl. Barfuß im Sand oder im Wasser, die Schuhe in der Hand. Viele Geister haben sich so schon beruhigt. 

Manch einer beschreibt deshalb ein Gefühl von Klarheit oder innerer Ordnung nach einer gewissen Auszeit am Wasser. Mir geht es genauso.

 

 

 

 

Was dabei im Körper passiert

 

 

Was Wasser im Körper auslöst, ist messbar. Cortisolwerte sinken, Blutdruck und Herzfrequenz beruhigen sich. Besonders interessant ist dabei ein Befund aus der Hirnforschung. Nämlich, dass schon der Anblick auf Wasser Grübelprozesse zu dämpfen scheint. Der präfrontale Kortex – also jenes Areal im Hirn, das beim endlosen Kreisen von Gedanken besonders aktiv ist – zeigt in natürlicher Umgebung eine reduzierte Aktivierung. Der Geist wird also leiser.

Hinzu kommt die Luft am Wasser. Besonders in Küstennähe ist sie mit negativen Ionen angereichert. Das sind kleine, elektrisch geladene Teilchen, die in der Forschung mit verbesserter Stimmung und erhöhter Serotonin-Verfügbarkeit in Verbindung gebracht werden. Ein spannender Baustein. Ein bekannter noch dazu. Ich hatte darüber bereits in meinem Artikel über Regen, und was dieser mit uns macht, geschrieben. Du findest den Artikel hier. ich empfehle ihn dir sehr. :) 

 

 

 

 

Angst, Depression und das Nervensystem

 

 

Ebenfalls vielen bekannt, leider – Angst.
Angst versetzt den Körper in dauerhafte Alarmbereitschaft. Gedanken kreisen weiter, das Nervensystem bleibt angespannt  – und selbst Ruhe fühlt sich oft nicht mehr wirklich ruhig an. U.a., weil das Gedankenkarussell nicht mehr aufhören will, sich zu drehen. Ohne, dass wir dieses Gedankenkarussell manchmal überhaupt bewusst wahrnehmen, geschweige denn, welche genauen Gedanken und Themen denn da überhaupt gerade Karussell fahren.

Natürliche Wasserlandschaften können genau diesen Zustand beeinflussen. Ich selbst mache mir das oftmals gezielt zunutze. 


Studien zeigen positive Effekte natürlicher Umgebungen auf Stressregulation und depressive Symptome. (Apropos natürliche Ungebungen: In einem anderen Beitrag schrieb ich explizit über das Grüne und den Wald, siehe hier.)

Wichtig ist mir auch hier zu erwähnen: Wasser ersetzt keine Therapie und keine medizinische Behandlung. Alles hat Grenzen. Dennoch deutet vieles darauf hin, dass natürliche Umgebungen einen wichtigen Einfluss auf psychisches Wohlbefinden haben. Und das besonders in einer Welt wie der heutigen, die den menschlichen Geist dauerhaft überfordern kann. Ich denke, da spreche ich wohl für viele.

 

 

 

 

Was bleibt

 

 

Seit es uns Menschen gibt, kennen wir es. Das Wasser. Und es verändert etwas in uns. Nicht laut, nicht sofort und auch nicht schlagartig – aber spürbar und messbar.
Es reguliert, wo der Alltag überstimuliert. Es beruhigt, wo Gedanken kreisen. Es gibt dem Geist Raum und eine passende Bühne für Ruhe, die es sonst selten bekommt.

Also mein Tipp: Mal ab ans Blaue statt ins Grüne. Es muss auch wahrlich nicht das weit entfernte Meer sein. Ein schöner See, ein Fluss, ein ruhiges Ufer in der Nähe. Alles ganz für uns gemacht. Das Nervensystem weiß den Unterschied kaum. Wäre ja auch frech, wenn doch.

Für mich gibt es wohl nichts, was ich mir so oft gönne, ganz egal wo, wie eine kleine Auszeit am Wasser. 

 

 

Dazu abschließend ein passender Satz, ein Zitat, von Sebastian Anton Kneipp:

 

„Lernt das Wasser richtig kennen, und es wird euch stets ein verlässlicher Freund sein."


 

 

 

 

Michael



 

 

Quellen & wissenschaftliche Einordnung

 

 

Die folgenden Quellen dienen der Transparenz und fachlichen Einordnung.
Sie stellen keine Empfehlung und keinen Ersatz für medizinische Beratung dar.

 

  • Gascon M et al. Outdoor blue spaces, human health and well-being: A systematic review of quantitative studies. International Journal of Hygiene and Environmental Health (2017).
  • White MP et al. Blue space, health and well-being: A systematic review of blue space interventions. Health Promotion International (2020).
  • Völker S & Kistemann T. The impact of blue space on human health and well-being. International Journal of Hygiene and Environmental Health (2011).
  • Bratman GN et al. Nature experience reduces rumination and subgenual prefrontal cortex activation. Proceedings of the National Academy of Sciences (2015).
  • Britton E et al. Blue care: A systematic review of blue space interventions for health and wellbeing. Health Promotion International (2020).
  • Nutsford D et al. Residential exposure to visible blue space and its association with mental health. Health & Place (2016).
  • Nichols, WJ. Blue Mind. Little, Brown and Company (2014).