Die letzten Tage hat es hier in Berlin neben dem herrlichen Sonnenschein immer wieder geregnet.
Und wenn es nach mir ginge, dürfte das genau so ruhig noch etwas andauern.
Nicht aus reiner Romantik,
sondern weil man merkt, weil ich merke, dass sich etwas verändert. Augenblicklich.
Du kennst das wahrscheinlich auch.
Die Luft, der Kopf, die Wahrnehmung.
Und das ist nicht nur Gefühl.
Mehr als nur Wetter
Wenn Regen auf den Boden trifft, passiert physikalisch weit mehr als nur „nass werden".
Es entstehen sogenannte negative Ionen. Das sind geladene Sauerstoffmoleküle, die beim Aufprall von Wassertropfen freigesetzt werden. Ein Effekt, der als Lenard-Effekt beschrieben wird.
Das mag erstmal technisch oder theoretisch klingen, ist aber relevant.
Denn genau diese Ionen werden in Studien mit Veränderungen im Gehirn in Verbindung gebracht. Genauer gesagt, mehr Alphawellen – also ruhige, wache Zustände
(und hier sind sie wieder, die Alpha-Wellen, wir kamen schon im Beitrag über L-Theanin auf sie zu sprechen)
sowie Hinweise auf erhöhte Serotoninaktivität.
Also genau das, was viele positiv als „klarer im Kopf" beschreiben.
Saubere Luft, weniger Druck
Gleichzeitig verändert sich die Luft.
Regen bindet Partikel. Also Feinstaub, Pollen, in der Luft fliegende Schadstoffe.
Je stärker der Regen, desto stärker dieser Effekt.
Das Ergebnis ist messbar bessere Luftqualität. Und die wirkt sich direkt auf den Körper aus.
Schlechte Luft steht in Zusammenhang mit Stress, Reizbarkeit, sogar Angstzuständen.
Das heißt nicht, dass saubere Luft automatisch glücklich macht oder diese Probleme heilt, natürlich nicht, aber sie kann etwas Druck aus dem System nehmen.
Ich kenne dieses Hin und Her der Luftqualität und ihre scheinbaren Auswirkungen nur zu gut, mal nebenbei angemerkt, durch mein familiäres Pendeln zwischen Berlin und der kroatischen Adriaküste. Allen voran meine Haut kann da ein Lied von singen.
Der Geruch von Regen
Doch zurück zum Schönen.
Denn dann ist da noch dieser Geruch.
Sobald Regen auf trockene Erde trifft, entsteht Petrichor. Ein Gemisch aus Pflanzenstoffen, Bodenpartikeln und Mikroorganismen, das durch die Tropfen in die Luft gelangt.
Das Besondere: Gerüche gehen direkt ins emotionale Zentrum des Gehirns.
Genauer gesagt zur Amygdala, ins limbische System.
Deshalb können Düfte oftmals Erinnerungen in uns wiederbeleben, oder besser gesagt ins Bewusstsein holen, ohne dass wir bewusst und gezielt daran denken.
(Kleine Anmerkung: Dieser tiefgreifenden Wirkung von Düften widme ich in der künftigen Erweiterung meines Sortiments einen besonderen Raum. Ich werde die Essenz einzelner Düfte hier bald noch genauer beleuchten – es lohnt sich, dranzubleiben.)
Menschen reagieren auf den Geruch von Regen übrigens extrem sensibel.
Manch einer behauptet sogar, stärker als Haie auf Blut.
Gewagte These. Aber ehrlich gesagt, für mich fühlt sich das durchaus stimmig an.
Ein intensiver Regenduft macht es mir oft unmöglich, einfach drinnen zu bleiben.
Zu sehr drängt sich der Gedanke auf, diesen erfrischenden Moment draußen bei herrlicher Regenluft zu verpassen.
Unaufdringliche Wohltat für die Ohren
Und dann das Offensichtliche, das oft unterschätzt wird: das Geräusch.
Dieses Prasseln des Regens ist überaus angenehm und gleichmäßig.
Genau deshalb findet man ihn überall; sei es in ASMR-Videos, Klängen zur Einschlafhilfe oder zur Meditation.
Studien zeigen, dass gleichmäßiger Regen den Cortisolspiegel senken kann.
Also genau das Hormon, das bei Stress ansteigt.
Parallel wird das parasympathische Nervensystem aktiviert. Das ist der Teil, der für Erholung zuständig ist.
Man könnte sagen, der Körper schaltet nicht ab, er fährt eher angenehm runter.
Warum es sich anders anfühlt
Keiner dieser Faktoren wirkt für sich allein überwältigend.
Doch in der Kombination von all dem genannten entsteht etwas, das viele sofort wahrnehmen:
Weniger Reize, weniger innere Unruhe, mehr Klarheit. Ein gewolltes, tiefes Durchatmen auch oft, um so den Duft umso besser wahrnehmen zu können. (Und schon richtiges Atmen kann ungemein hilfreich sein, doch dazu ein andermal mehr.)
Diese Veränderungen mögen nun nicht alle nicht weltbewegend sein, aber sie reduzieren den Moment etwas mehr auf das Wesentliche.
Was bleibt
Vielleicht ist es genau das, was ihn so besonders macht.
Dieser Moment fordert nichts von uns, keine Aufmerksamkeit,
stattdessen entschleunigt er uns auf eine gewisse Weise, lenkt dabei aber nie ab.
Und für einen Moment etwas Tempo aus allem rauszunehmen,
dafür den Rahmen schaffen zu können,
kann manchmal genau den Unterschied machen.
Ein anderer Blick
Ich habe die letzten Tage das Fenster öfter offen gelassen. Länger als sonst, wie ich im Nachhinein bemerke.
„Im Nachhinein" heißt in diesem Fall: jetzt gerade.
Auch ganz bewusst, während ich diesen Text hier schreibe.
Und vielleicht ist das die einfachste Form, es zu verstehen:
Man merkt und spürt etwas, noch bevor man es erklären kann.
Und nun ist mir danach, das Radio aufzudrehen.
Ohrwurm? Gern geschehen.
Michael
Quellen & wissenschaftliche Einordnung
Die folgenden Quellen dienen der Transparenz und fachlichen Einordnung.
Sie stellen keine Empfehlung und keinen Ersatz für medizinische Beratung dar.
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Goel, N. et al. (2005). Bright light, negative air ions and auditory stimuli produce rapid mood changes in a student population. Psychological Medicine.
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Harrison, R. G. & Carslaw, K. S. (2003). Ion–aerosol–cloud processes in the lower atmosphere. Reviews of Geophysics.
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