Kunst als Therapie gegen die Schwere der Seele

Es gibt Zeiten, in denen die Seele wirklich leidet und sich wie schwarzer Teer beschwerend über einen legt.

Manch einer will oder kann nicht aussprechen, was dann im Kopf herumschwirrt – herumpoltert. 

Genau hier können helfen: Stift und Papier, Leinwand und Pinsel.

Manchmal die einzige Möglichkeit, wie etwas aus Psyche, Geist und Körper gelangt. 
Wie man sich, zumindest etwas, befreien kann.

 

 

Hier beginnt Kunst, zu wirken.

 

 

Und ich sage das nicht nur aus einem Gefühl heraus.
Also, auch, doch.
Aber zu diesem Zusammenhang – zwischen künstlerischem Ausdruck und seelischer Verarbeitung – gibt es heute seriöse, umfangreiche und hochspannende Forschung.
Weit mehr, als man wohl erwarten würde. Zumindest mehr, als ich erwartet hatte.

In der Schweiz beispielsweise wurde 2014 eine breit angelegte Studie zur Kunsttherapie durchgeführt, die gezeigt hat, dass schon das künstlerische Tun an sich, also der Prozess, nicht erst das gemalte oder geschaffene Ergebnis, wirklich wirken kann.

 

 

 

Wir alle kennen wohl Bilder, die heute Weltruhm erlangt haben. In ihrem Ursprung sind sie oftmals genau in solchen Phasen entstanden.
„Der Schrei“ von Edvard Munch etwa, und seine tief bewegende Geschichte dahinter. (Du kannst sie hier lesen, empfehle ich sehr). 

 

 

 

 

Malen und Trauma

 

Einer der weltweit anerkanntesten Traumaforscher, Bessel van der Kolk, untersuchte gemeinsam mit Rita Fisler bereits 1995, wie Fragmente traumatischer Erinnerungen im Gedächtnis abgelegt werden – und warum nonverbale Zugänge wie eben die Kunst oft dorthin reichen, wo Sprache allein nicht hinkommt.

In einer anderen Studie (aus 2013) zur posttraumatischen Belastungsstörung (kurz PTBS), hier speziell bei Kriegsveteranen, führte Kunsttherapie zu einer signifikanten Reduktion der Symptome. Genauer wäre das also: Verbesserungen bei Schlaf, Stimmung sowie sozialem Verhalten. 

Noch eine wissenswerte Studie (aus 2015): Hier ging es um Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt wurden. Auch hier zeigte die künstlerische Tätigkeit in soweit Wirkung, dass sie zu einer Verringerung von Depressions- und Angstsymptomen führte. 

 

Dieses bloße Aufzählen von Symptom-Verbesserungen mag sich nun nüchtern bis trocken lesen – aber für jemanden, der wirklich drin steckt, kann so etwas Gold wert sein, zu wissen, dass es da wirklich noch was gibt.
Und es gibt so viel. 

Umso wichtiger daher aber auch, darüber bedacht- und verantwortungsvoll zu schreiben. 
Ich möchte keine Heilungswunder versprechen, aber mich auch aufgrund eigener Erfahrung (ich wünschte manches mal, ich hätte sie weniger) einen Raum des Wissens und der Inspiration schaffen.  

 

 

 

 

Kunst und Depression

 

Trauma angesprochen. Ok. Und was ist mit Depression?

Nun, dazu hat die deutsche Depressionsliga einen Erfahrungsbericht veröffentlicht von einer Frau namens Sarah Louven, den ich nur empfehlen kann. Ist manchmal schön, so etwas Echtes zu lesen – wie man denkt und fühlt – das kann enorm hilfreich, inspirierend sowie anspornend sein. 
Sie schreibt darin unter anderem, wie ihr „in depressiven Phasen das Malen ein Stückchen Besserung verschafft hat.“ Durch die Beanspruchung der Sinne, durch gedankliches Eintauchen in einen selbst gemalten Ort – ja schon durch die Aufgabe des Malens an sich, einem Sinn also, etwas zu tun. 
Und dem Bewusstwerden, dass man „mit seinen eigenen Händen etwas Schönes erschaffen hat.“
Gleichwohl aber auch mit den Phasen kämpfend, in denen depressive Symptome Überhand nehmen, man sich bei kleinsten Fehlern direkt verurteilen, hinschmeißen und sich verziehen will. Das gehört zur Wahrheit dazu. Nicht zu vergessen, dass das Allerschwierigste oftmals ist, sich überhaupt dazu – geschweige denn zu irgendwas – aufzuraffen. 

Aber ihre Worte: „Ja, es lohnt sich dennoch.“

 

Übrigens beschrieb auch sie ihre Depression „wie schwarzer Teer“, der oftmals schwer an ihr klebe.
Diese Schwere können sich Leute, die sich damit nicht rumschlagen müssen, kaum vorstellen. Denn sie können sie ja weder sehen noch greifen.

     


     

     

    Mal 'ne besondere Erwähnung:
    Gemäß Aristoteles – dem wohl bekanntesten sowie einflussreichsten Gelehrten und Philosophen aus dem antiken Griechenland – ist der Schöpfergeist in Kunst, Philosophie und Politik mitunter auf die Melancholie zurückzuführen. 

    "Warum erweisen sich alle außergewöhnlichen Männer in Philosophie oder Politik oder Dichtung oder in den Künsten als Melancholiker?" 

     

    Gute Frage.
    Womöglich beantwortet sich diese Frage ein wenig in dem Artikel, in welchem ich über den wohl größten amerikanischen Präsidenten, Abraham Lincoln, und seine schwere Depression schrieb. Du kannst ihn hier lesen. 

     

     

     

     

    Psyche, Körper & Immunsystem

     

    Was ich ebenfalls wichtig finde zu erwähnen, ist das Holistische des Ganzen. Bei der Psyche hört es eben nicht auf. 
    Wer leidet, dem brauche ich das sicher nicht zu erzählen. 

    Der Mediziner Christian Schubert hat sich mit der Frage beschäftigt, wie künstlerisches Tun sich auf das Immunsystem auswirkt. Er stützt sich dabei auf biopsychosoziale Forschung. Mir ist der Begriff neu – ich kannte bisher nur den der Psychoneuroimmunologie, dazu ein andermal mehr.

    Diese Forschung zeigt, dass sich seelische Verarbeitung messbar im Körper niederschlägt, nicht nur im Kopf.

     

    Im Grunde ist das nichts vollkommen Neues, möchte ich behaupten. Ältere Traditionen und Kulturen hatten das nie wirklich getrennt gesehen – sondern Körper und Geist als Einheit. In gewisser Weise kehren wir damit also mit neuem Wissen zu etwas Altem zurück. Das wird dem Forscher und manch anderem sicher auch bewusst gewesen sein – doch hier haben wir es greifbar erforscht, messbar gemacht, schwarz auf weiß.

     

     

     

     

    Was also bleibt

     

    Aus eigenem Erleben kann ich daher jedem, der diesen Beitrag aus einem persönlichen Bedürfnis heraus liest, nur raten: Probier's aus. Lass dich darauf ein. 

    Bewerte deine künstlerischen Fähigkeiten dabei überhaupt nicht. Wirklich nicht. Lass es raus. Mit und durch Kunst.

    Denn egal, wie es am Ende aussieht: Kunst ist es sowieso. :)

     

     

     

    Auch ich zeichne. Keine Kunsttherapie im klassischen Sinne – aber doch auch irgendwie schon, quasi als eine Art Selbsttherapie.

    Ich hatte es schon als Kind gerne getan. Genauso übrigens auch Sarah Louven aus dem genannten Bericht oben.
    Bei mir hörte das mit dem Älterwerden schleichend auf.
    Doch nun, als Erwachsener mit eigenem Erleben und Erlebtem, ist es oft der Faktor Kopf, der mir Stift und Papier wieder vor die Nase hält. Nicht immer, aber eben oft.
    Ich nehme dankend an. 

     

     

    So wie ich viel tippen kann – hast du vielleicht schon bemerkt – kann ich auch viel reden. Doch es gibt Momente, da ist entweder vermeintlich alles gesagt, oder es will oder kann nicht ausgesprochen werden.
    Falls du das auch kennen solltest…

     

    Vielleicht will es dann ja gemalt werden?

     

     

     

    Michael

     

     

     

    Wichtiger Hinweis meinerseits: Ich bin kein Arzt, Mediziner oder Kunsttherapeut. Ich bin selbst Betroffener, der sich mit diesem Thema auseinandersetzt. Ich kann also keine therapeutischen oder medizinischen Ratschläge geben, nur Studienlage und wissenschaftliches erläutern, sowie altbekanntes und meine eigenen Erfahrungen.

     

     

    Quellen

     

    Die folgenden Quellen dienen der Transparenz und fachlichen Einordnung.
    Sie stellen keine Empfehlung und keinen Ersatz für medizinische oder therapeutische Beratung dar.

     

    • Albermann, K., Bär, J., Pezzoli, V. et al. (2014). Nationale Studie zur Wirksamkeit von Kunsttherapie. Kantonsspital Winterthur.
    • van der Kolk, B. A. & Fisler, R. (1995). Dissociation and the Fragmentary Nature of Traumatic Memories: Overview and Exploratory Study. Journal of Traumatic Stress, 8(4), 505–525.
    • Kopytin, A. & Lebedev, A. (2013). Humor, Self-Attitude, Emotions, and Cognitions in Group Art Therapy with War Veterans. Art Therapy, 30(1).
    • Schouten, K. A. et al. (2015). Effects of Art Therapy on Anxiety, Depression, and Trauma Symptoms in Adult Survivors of Interpersonal Violence: A Systematic Review. Art Therapy.
    • Schubert, C. Bewusstwerdung als Heilung – die Wirkung künstlerischen Tuns auf das Immunsystem. In: Kunsttherapie. Wirkung – Handwerk – Praxis.
    • Louven, S. (2025). Von Depression zur Expression – welche Bedeutung Kunst für meine seelische Gesundheit hat. Deutsche DepressionsLiga e.V.