Menschen der Zeitgeschichte – und ihr Leben mit seelischen Krisen
Die Geschichte kennt viele große Namen. Doch selten kennt sie deren inneren Kämpfe. Genau das interessiert mich brennend – und genau das möchte ich mit dieser Reihe ans Licht holen. Respektvoll, ohne nachträgliche Ferndiagnosen, sondern mit einer Frage, die mich seit Langem fasziniert: Was wussten Menschen über die dunklen Seiten der Seele, lange bevor es moderne Psychiatrie, Diagnosen oder Medikamente gab? Und wie haben sie trotzdem gelebt, gewirkt, geführt? Oder besser: nicht trotzdem, sondern genau damit, und deswegen.
Teil I: Abraham Lincoln
Abraham Lincoln war der 16. Präsident der USA, von 1861 - 1865.
Verehrt wird er als der größte Präsident, der die Vereinigten Staaten je regiert hatte.
Er ist das prägende Gesicht der 5-Dollar-Note, verewigt unter anderem als riesige Statue, geschützt thronend in der Hauptstadt der USA, Washington, D.C. sowie als eines der vier monumentalen Präsidentenportraits, auf ewig in den Granit des Berges Mount Rushmore gemeißelt.
Was die wenigsten wissen: Der Mann, der eine damals besonders gespaltene Nation durch ihren blutigsten Krieg führte, trug sein ganzes Leben lang eine Schwermut, eine Depression in sich, die seine engsten Freunde und sein Umfeld zutiefst beunruhigte. Und eine, die er nie wirklich losgeworden ist. Er hat mit ihr gelebt, sie überlebt und mit ihr regiert. Sie hat ihn wohl zu dem gemacht, an den man sich bis heute erinnert, wofür seine Kenner ihn bis heute mit tiefstem Respekt würdigen.
Ein Kind, das früh schwersten Verlust lernt
Lincoln war neun Jahre alt, als seine Mutter Nancy starb.
Als Junge half er anschließend dabei, die hölzernen Dübel für ihren Sarg zu schnitzen, den sein Vater aus frischem Holz fertigte. Ohne förmliche Trauerfeier wurde sie auf einer bewaldeten Anhöhe beigesetzt und erst Monate später hielt ein reisender Prediger die eigentliche Trauerpredigt an ihrem Grab. Der junge Abraham selbst soll darum gebeten haben.
Über ein Jahr lang lebte Abraham danach mit seinem Vater, seiner Schwester Sarah und den Cousins Dennis und Sophie Hanks in bitterer Armut weiter. Gegen Ende dieser Zeit reiste sein Vater Thomas zurück in seine alte Heimat Kentucky, um eine neue Frau zu finden, die er heiraten und mit nach Indiana bringen konnte. Die Kinder blieben währenddessen bei ihrem Cousin Dennis zurück.
Thomas kehrte schließlich mit einer neuen Frau, Sarah Bush Johnston, zurück – die sich den Kindern gegenüber warmherzig zeigte und Abraham später sogar zum Lesen und zur Bildung ermutigte, was in dieser Umgebung wahrlich keine Selbstverständlichkeit war.
Der nächste Verlust traf ihn als jungen Mann: Seine Schwester Sarah starb 1828 bei der Geburt ihres ersten Kindes, gemeinsam mit dem Neugeborenen. Lincoln war damals achtzehn. Zwei der wenigen Menschen, die seine früheste Kindheit mit ihm geteilt hatten, waren nun tot.
Eine Liebe, ein Zusammenbruch
Sieben Jahre später, 1835, durchlebte er einen weiteren Verlust. Die junge Ann Rutledge, eine junge Frau, der er besonders nahe stand, starb an Typhus. Mit diesem weiteren Verlust durchlebte Lincoln eine Zeit der tiefen seelischen Krise, über die mehrere seiner Zeitgenossen berichteten.
Der bekannteste, am besten dokumentierte Zusammenbruch ereignete sich aber erst Jahre später, im Januar 1841. Lincoln hatte kurz zuvor seine Verlobung mit Mary Todd gelöst, die Gründe hierfür sind mir nicht bekannt. Was folgte, beschrieb er selbst in einem Brief an seinen Freund John T. Stuart so eindringlich, dass dieser Brief bis heute als eines der bewegendsten persönlichen Dokumente aus Lincolns Feder gilt:
„Ich bin jetzt der elendste Mensch, der lebt. Würde das, was ich fühle, gleichmäßig auf die ganze Menschheit verteilt, gäbe es kein einziges heiteres Gesicht mehr auf der Erde."
Freunde berichteten später, sie hätten sich damals ernsthaft gesorgt, Lincoln könnte sich etwas antun. Vorsichtshalber entfernte man daher alle Messer und Rasierklingen aus seiner unmittelbaren Nähe und behielt ihn rund um die Uhr im Auge.
Um ein besseres, echtes Gefühl zu bekommen, hier der Brief Abraham Lincolns an John T. Stuart, vom 23. Januar 1841. Original und gemeinfrei.



Ein ewiger Begleiter, kein zeitweiliger Besucher
Was Lincolns Zeitgenossen an ihm beschrieben, war keine Krise von befristeter Dauer, sondern ein stets wiederkehrender Zustand. Sein Kanzleipartner Herndon (Lincoln war Anwalt geworden) schrieb später, Lincolns Melancholie sei "so tief wie das Meer" gewesen und habe ihn "wie einen Schatten" durch sein ganzes Leben begleitet.
Andere seiner Weggefährten berichteten, wie Lincoln mitten in Gesprächen plötzlich verstummen und in sich zusammensinken konnte, den Blick ins absolut Leere gerichtet, bevor er sich ebenso plötzlich wieder fasste und weitersprach, als sei nichts gewesen.
Ich finde es zutiefst bemerkenswert, wie er damit umging. Lincoln besiegte seine Depression nie, sondern lernte, mit und trotz ihr zu leben.
Während seiner Zeit wurde er für seinen Humor und seine außerordentliche Erzählkunst bewundert. Mit einer einzigen Anekdote schaffte er es, einen gesamten Raum mit Heiterkeit zu füllen und zum Lachen zu bringen. Biografen wie Joshua Wolf Shenk deuten genau darin einen Bewältigungsmechanismus: Humor als bewusstes Gegengewicht zu einer Schwere, die er nie loswurde.
Ein Präsident trägt weiter
Eine für mich prägende Szene fand 1860 statt: Lincoln betrat als Präsidentschaftskandidat während einer republikanischen Staatsversammlung in Decatur im Bundesstaat Illinois die Bühne. Die Menge geriet außer sich vor Freude, Stöcke und Hüte flogen in die Luft, der Raum tobte. Das Vordach der Bühne hielt dem Jubel nicht stand und stürzte ein.
Doch während die Menge jubelte, beschrieb ein Mann namens Johnson, der sich in der Menge befand, Lincoln wie folgt:
„I then thought him one of the most diffident and worst plagued men I ever saw.“
Übersetzt: „Damals hielt ich ihn für einen der schüchternsten und am stärksten geplagten Männer, die ich je gesehen habe.“
Und dennoch wurde er gewählter Präsident. Dazu bis heute der Größte. Nicht trotz seiner Verfassung, sondern mit ihr. Es war nichts, dass er versteckte, man konnte es ihm ansehen. Heutzutage womöglich würde man seine Verfassung, seine Depression, oftmals als eine (charakterliche) Schwäche und ein Problem abtun. Insbesondere in diesem hohen politischen Amt. So, wie ich es gerade einfüge, sah und beschrieb es auch das einflussreiche US-Magazin The Atlantic im Jahre 2005.
Als Lincoln 1861 das Präsidentenamt antrat, führte er ein Land, das sich im selben Jahr in einen Bürgerkrieg spaltete. Hunderttausende Tote, die sein direktes Handeln mitverantwortete. Mitten in diesen Jahren traf ihn ein weiterer, sehr persönlicher Schlag: Sein elfjähriger Sohn Willie starb 1862 im Weißen Haus an Typhus.
Zeitweise zog sich Präsident Lincoln in einen Raum des Weißen Hauses zurück, um dort allein und ungestört zu weinen, ehe er wieder an den Schreibtisch zurückkehrte, um Entscheidungen zu treffen, von denen das Schicksal Tausender abhing.
Man kann vermuten, ich tue es, dass gerade diese tiefe Vertrautheit mit dem eigenen Schmerz und dem Leid Lincoln half, den Schmerz eines ganzen, trauernden Landes ob des Krieges und dem Verlust ihrer Nahestehenden zu verstehen und mitzutragen, wie wohl kaum ein anderer.
In seinen späten Reden, unter anderem seiner berühmten zweiten Antrittsrede, sprach Lincoln mit einer Ernsthaftigkeit und einer solchen emotionalen Tiefe über Leid und Versöhnung, die viele tief berührte und als etwas ganz Besonderes empfanden.
Was ihn trug
Wenn man sich nun fragt, was diesen Mann durch all dieses Leid trug, so zeichnen sich den Quellen nach zwei Dinge ab.
Das eine war ein tiefer Sinn für Bedeutung – für den Sinn.
Herndon, Lincolns Kanzleipartner, beschrieb seinen Ehrgeiz einst als "eine kleine Maschine, die keine Ruhe kannte".
Es war ein beständiger Wunsch, etwas zu leisten, das über ihn hinaus Bestand haben würde. Etwas, woran man sich erinnert – etwas das bleibt.
Jedoch nicht als alleinig eitle Sucht nach Ruhm, möchte ich meinen, sondern etwas, das ihn offenbar buchstäblich am Leben hielt: die Überzeugung, dass sein Dasein einem Zweck dienen musste, der größer war als er selbst und sein eigener Schmerz.
In den Jahren des Bürgerkrieges wurde aus diesem Sinn für Bedeutung eine konkrete Mission. Nämlich, die Union zu erhalten und die Sklaverei endlich zu beenden.
Nun kann man darüber streiten, in wie weit ihm dieser Sinn seine Schwermut nahm. Sie nahm sie ihm nicht, zu keiner Zeit. Aber er hatte etwas, das größer und stärker war als seine eigene Depression. Ein Sinn, der ihm dabei half, nicht von seiner eigenen inneren Dunkelheit vollständig verschlungen zu werden.
Das andere war ein Mensch, der ihn wirklich kannte. Ein Freund. Joshua Speed, ein Kaufmann in Springfield, war jahrelang Lincolns engster Freund. So eng, dass die beiden über Jahre hinweg ein Bett über Speeds Laden teilten, was für junge, unverheiratete Männer mit wenig Geld in dieser Zeit absolut üblich und keine Ausnahme war. Nach dem Zusammenbruch von 1841 schrieb Lincoln Speed Briefe von einer solchen emotionalen und tiefen Offenheit, die für unsere Zeit schon ungewöhnlich geworden ist: Er beschrieb genau, wie es sich anfühlte, verzweifelt zu sein, ohne es zu beschönigen oder zu verstecken. Es gab also einen Menschen, der wirklich wusste, wie es in Lincoln aussah. Und dieser eine gute Freund hat gereicht.
Was bleibt
Ich will hier keine einfache Formel anbieten wie "Leid macht groß", das würde Lincolns Geschichte verkürzen und auch allen anderen Menschen unrecht tun, die unter Depression leiden, ohne dass daraus etwas Heroisches entsteht.
Aber zwei Dinge lassen sich aus seiner Geschichte tatsächlich mitnehmen, ganz konkret. Das eine: Ein Sinn, der größer ist als der eigene Schmerz. Dieser Sinn kann etwas sein, das einen durch das Leben, oder zumindest Abschnitte, trägt. Und das nicht, weil er die Depression wegnimmt, das möchte ich nicht behaupten, sondern weil er ihr einen Platz gibt, statt sie alles einnehmen zu lassen.
Das andere: Lincoln war nicht allein. Er hatte Gemeinschaft, sowie einen Freund. Einen Menschen, der wusste, wie es in ihm aussah, weil er es ihm offen und ehrlich erzählt hat.
Das ist vielleicht der eigentliche Unterschied zu heute. Nicht, dass Menschen früher weniger psychisch gelitten hätten als wir heute, oft haben sie das unter härteren Bedingungen. Sondern dass es damals offenbar selbstverständlicher war, einem nahestehenden Menschen, einem Freund, wirklich alles zu zeigen. Man siehe sich nur alte Briefe an, wie eben die von Abraham Lincoln, oder beispielsweise von Soldaten aus der Front, die ihrer Familie und ihren Liebsten zuhause schrieben.
Heute holen sich viele diese Tiefe, wie in diesen innigen Freundschaften, wo das gegenüber einen wirklich kennt, woanders. Oder versuchen es zumindest. Beispielsweise bei einer Therapeutin. Und das ist auch gut und wichtig so. Aber die Frage bleibt es wert, gestellt zu werden: Gibt es in deinem Leben jemanden, der wirklich weiß, wie es in dir aussieht? Dich dafür nicht verurteilt, sondern dir Freund bleibt? Falls nicht – vielleicht ist das die eine Sache, die sich aus Lincolns Geschichte tatsächlich anfangen lässt. Neben der Sinnfrage.
Michael
Abraham Lincoln,
12. Februar 1809 - 15. April 1865
Wichtiger Verweis, den ich nicht genug betonen kann: Ich bin kein Arzt, Mediziner, Therapeut oder Historiker im akademischen Sinne. Ich bin selbst Betroffener, der sich mit diesen Themen intensiv auseinandersetzt und recherchiert. Dieser Beitrag stellt keine medizinische Ferndiagnose historischer Personen dar, sondern stützt sich auf anerkannte biografische und historische Quellen sowie meinem Interesse, darüber zu schreiben.
Dazu berührt dieser Beitrag das Thema Schwermut, Depression und – im historischen Kontext – auch suizidale Gedanken. Falls dich das persönlich beschäftigt: Du bist nicht allein damit, und es gibt Unterstützung, die dir helfen kann. Auch wenn das oft schwerfällt zu glauben, insbesondere in akuten Krisen, wenn es in einem bebt... aber es gibt Unterstützung, die helfen kann.
Quellen & weiterführende Literatur
- Shenk, Joshua Wolf. Lincoln's Melancholy: How Depression Challenged a President and Fueled His Greatness. Houghton Mifflin, 2005.
- Herndon, William H. & Weik, Jesse W. Herndon's Lincoln: The True Story of a Great Life. Belford, Clarke & Co., 1889.
- Goodwin, Doris Kearns. Team of Rivals: The Political Genius of Abraham Lincoln. Simon & Schuster, 2005.
- Burlingame, Michael. Abraham Lincoln: A Life. Johns Hopkins University Press, 2008.
- Lincoln, Abraham. Brief an John T. Stuart, 23. Januar 1841. Abraham Lincoln Papers, Library of Congress (gemeinfrei).
- Shenk, Joshua Wolf. „Lincoln’s Great Depression.“ The Atlantic, October 2005