Burnout biblischen Ausmaßes – und der Weg raus

„Es ist genug!" 

 

Wenn man so will, beginnt mit diesen Worten die Geschichte eines Burnouts. Eines weltbekannten. Über zweitausend Jahre alt.

Du ahnst es... es klingt verdächtig nach Bibel. Und in der Tat, diese faszinierende Geschichte habe ich daraus. Doch gemach, es soll keine Geschichte des Missionierens willen sein. Sondern weil ich auf sie als Betroffener und Suchender gestoßen bin. 

Betroffener, weil dieselben Worte: „Es ist genug!"

 

Manch einer ist ja der Ansicht, der Burnout, auch wenn diese Wortschöpfung wohl modern ist, sei so ein Ding der Moderne. Doch weit gefehlt. Der Begriff mag modern sein, das Leiden ist es nicht.

Wir hätten aber wohl nichts davon, würden wir nur ein Leidthema ansprechen, ohne auch einen Weg raus aufgezeigt zu bekommen. Den gibt es. Und die Parallelen des Weges der Heilung zur heutigen Zeit sind für mich immens spannend. Es zeigt mir, wie zeitlos doch so vieles ist. Und ja, der Burnout gehört da zweifellos mit dazu. 

 

 

 

 

Der Mann, der genug hatte

 

Sein Name ist Elia.

Eben noch hatte er Momente des Ruhms. Er hatte einen Wettkampf gewonnen. Er, auf Seiten seines Gottes, gegen ganze 450 Priester einer fremden Gottheit, Baal. Er allein bezwang sie alle. Glorreich. 

Doch aufgrund eben jenes Sieges bedrohte ihn die Königin Isebel, die dem Baal zugetan war, mit dem Tod. Und das noch am gleichen Tag. Die Dame war deutlich. 

Zu Elia muss eingefügt werden: Er war vor diesem Showdown keineswegs unbelastet. Er war geplagt von wiederholender Flucht, Einsamkeit – kurz gesagt, immensem Stress.

Und auf einmal reißen alle Stricke. Elia, bis eben noch tapfer, kämpferisch, der sich allein gegen 450 stellte und sie alle bezwang, konnte nicht mehr. Von einer Belastung in die nächste. Von einem Überlebenskampf in den nächsten. An Abschalten nicht zu denken.

Da verließen ihn schlagartig die Kräfte. Es reichte noch, um in die nahegelegene, karge Steinwüste zu fliehen. Schutzsuchend unter einem Strauch, tönten seine Worte aus der Verzweiflung:

„Es ist genug, so nimm nun, HERR, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter."

Der Mann, eben kurz Sieger, nun des Lebens überdrüssig. Elia ist erschöpft, kaputt. Und er spricht es offen an. Er gesteht sich das nicht nur ein, sondern verlangt zugleich sein Lebensende.

Was darauf folgt? Nun... kein „Reiß dich zusammen!", kein „Ausgebrannt? Du hast ja noch nicht mal geglimmt." Sondern Fürsorge.

 

 

 

 

„Steh auf und iss"

 

Es nähert sich ihm ein Engel. Liebevoll wird Elia gesagt: „Steh auf und iss." Neben ihm wurden auf einem heißen Stein ein frischer Brotkuchen zubereitet, dazu ein Krug frisches Wasser. Er aß, trank und schlief weiter. Keine Anforderungen mehr, nur noch zur Ruhe kommen.

 

Zeichnung von Rembrandt, um 1652, "Elia und der Engel in der Wüste"

 


Ein weiteres Mal erscheint ihm der Engel mit derselben liebevollen Ruhe: „Steh auf und iss, denn du hast einen weiten Weg vor dir." Erneut wurde ihm etwas zubereitet.

Elia, wieder etwas aufgepäppelt, zog fort. Er verließ den Ort und die direkte Umgebung, die so viel forderte und ihm auch jetzt wohl keine Ruhe geben würde.

Was der Engel da für Elia tut, ist nichts Übernatürliches allein. Es ist das, was man sich wohl wünscht und was auch heute empfohlen wird. Raus aus der Situation. Hilfe eingestehen und annehmen – stets der erste Weg zur Heilung, auch wenn nicht immer direkt spürbar. Ruhe und Fürsorge. Das Decken der Grundbedürfnisse, ohne weitere Anforderungen. Sofortige Entlastung.

So biblisch die Geschichte, so nachvollziehbar und zeitgemäß der Umgang.

 

 

 

 

Der Weg zum Berg

 

Doch weiter...
Elia macht sich auf den Weg. Er wandert. Ohne Druck, ohne Anforderung. Immer weiter weg vom Ort des Geschehens und der Belastung. Vierzig Tage und vierzig Nächte lang wandert er, läuft er, durch kargste und steinigste Landschaften, bergauf. Mit einem Ziel auf dem Berg. 

 

Der Ort der Wanderung und Zuflucht: Das Sinai Gebirge.

 

Es wird das Wandern, das Laufen betont. Vierzig Tage und vierzig Nächte unterwegs.

Fällt dir da vielleicht etwas auf? 
Es kommt immer wieder vor, das Laufen. Viele Geschichten über alle Epochen hinweg handeln davon, bis heute. Die Heilung durch das Unterwegssein. Noch heute nutzen es viele, das Pilgern, oder einfach einen ausgiebigen Spaziergang, und sei es zunächst nur ein kleiner, je nach Verfassung. 
Dieses Thema kenne ich noch gut aus meiner Kindheit in den Schweizer Bergen. Aber dazu ein andermal mehr.

 

 

Elia kommt an. In eine Höhle, oben auf dem Berg. 
Gibt es denn etwas Schöneres und Sichereres, als den Blick von oben auf die Dinge zu haben? Sowohl landschaftlich als auch ganz sachlich, die Dinge von oben betrachten. Selbst bestieg ich schon Berge. Und erst heute wird mir bewusst, wie sehr mir das eigentlich half, während Krisen mich wieder zu sammeln. Damals war ich wohl zu jung, um zu wissen, welchen Mechanismus ich da eigentlich ausspielte. 

Die Heilkraft der Berge.

 


Nun, oben, stellte Gott ihm eine Frage: „Was machst du hier, Elia?"

Elia antwortete: „Ich allein bin übrig geblieben, und sie trachten danach, mir das Leben zu nehmen." Merkst du auch etwas? Die vollkommene Erschöpfung des Anfangs, das Bitten um das Ende aus purer Verzweiflung – nun schon etwas gestillt durch die ersten Maßnahmen. Seine Furcht und Überlastung eingestehend.

Was folgte, war Lärm. Ein Sturm kommt auf, gefolgt von einem Erdbeben, dann einem Feuer. Elia erwartete in jedem dieser drei Ereignisse Gott. Erschienen ist er in keinem der drei.

Schon als Metapher gesehen finde ich das großartig. All das Erlebte, die Angst, das Bewältigen – all das kann furchtbaren Lärm auslösen. Im Kopf. Katastrophisieren. Wie oft fühlen wir uns mit unseren Problemen und unseren Lasten überfordert und allein? "Wenn ich es nicht tue, macht es niemand richtig. Und dann geht alles den Bach runter. Das geht es ja sowieso schon..." Du kannst hier sicher selbst ergänzen.

Was folgte, war ein stilles, sanftes Säuseln. Manche Übersetzung spricht von „einer Stimme verklingender Stille". Eine wundervolle Beschreibung.

Darin – und erst darin – Gott.

All seine Katastrophisierungen, seine Befürchtungen, seine Ängste – all das erwidert Gott mit einem einzigen, leisen Fakt: „Es gibt siebentausend andere in Israel, die nicht vor Baal niedergekniet sind."

Elia sah sich allein, ohne Ausweg und Hoffnung. Hatte keine Ahnung von der Fülle an Unterstützung, die die Welt bereithielt – die aber erst in einem Zustand nach dem Sich-Sammeln überhaupt rationalisiert werden konnte. Elia wusste von all dem Positiven nichts. Er fühlte sich allein – und war es doch nicht.

 

 

 

 

Zurück in neuer Kraft

 

Elia kam, wenn man so will, ins Leben zurück.
Er blieb sogar seiner alten Mission treu. Mit frischer Kraft und, da er im Gegensatz zu uns ja eine weitaus höhere Mission hatte, direkter göttlicher Hilfe. 

Doch noch etwas Entscheidendes beinhaltete seine Rückkehr: bewusste Entlastung. Elia bekam einen Nachfolger, der ihm zur Seite stand und ihn entlasten sollte.

Das finde ich wert, besonders erwähnt zu werden: Was wir uns oft selbst nicht einmal zugestehen, erfolgt hier auf höchster, göttlicher Ebene. Die Erkenntnis, dass man Wege nicht allein gehen muss – sondern erlauben darf, dass mitgetragen wird. Und irgendwann, ja, auch abgelöst wird. 

 

Betrachtet man diese jahrtausendealte Geschichte, so erkennt man: Der Umgang, ob nun gläubig oder nicht, ist bei Burnout oft derselbe. Diese Geschichte zeigt deutlich, dass auch in der dunkelsten Stunde – wenn die Erschöpfung nur noch wie eine graue, düstere, karge Felswand vor einem wirkt, unerklimmbar, ohne Sonne, die noch durchdringt – Stück für Stück ein Weg nach oben möglich ist. Bis man, wie von selbst, bemerkt, Schritte nach oben gemacht zu haben, und die Dinge, die einen belasten und belasteten, mit mehr Abstand, von immer weiter oben betrachten kann.
Das war nun langatmig beschrieben, ich weiß. Du siehst es mir nach. 

 

 

Ich finde diese biblische Geschichte in all ihren Facetten wundervoll. Weil die Methoden, die darin stecken, anwendbar sind für jeden von uns.

Daher ist es mir ein Anliegen, dass ich diese Geschichte in ihren Teilen so herauslese und schreibe, über was sie, weltlich und klinisch betrachtet (ich bin kein Mediziner/Therapeut) schreibt: Den Inbegriff eines akuten Burnouts. 
Meines Wissens nach auch Elia Syndrom genannt. Tja... gern geschehen.

Hierin steckt keine billige Moral, sondern aufgezeigt ein machbarer Weg. Einer, der auch in der heutigen Zeit gegangen werden kann. 

Schwäche ist keine Schande. Ebenso wenig, Hilfe zu suchen und darum zu bitten.
Weder hielt sie Elia davon ab, später heiliggesprochen und verehrt zu werden – er wird sowohl im Christentum, also auch im Judentum und im Islam verehrt – noch mindert es deinen Wert.

 

 

Und noch etwas Wichtiges: Elia hatte direkte Hilfe von ganz oben. Doch Heilung heißt für uns 'kleinen Leute' nicht, ebenso wieder derselbe zu werden und in die selbe Bresche zu springen, in welcher man vorher war. In und aus diesem Prozess findet man vielleicht eine neue Rolle. Eine, an die man vorher vielleicht nie gedacht hätte; eine, die man sich vorher schlicht nicht getraut hat und/oder ... die Möglichkeit, Last zu teilen. Sowie womöglich eine Stille, wie man sie vorher nicht mehr kannte. Aber nach der man sich so gesehnt hatte... Stille. 

 

 

 

Michael

 

 

 

PS: Man könnte sicher argumentieren – und das verstehe ich –, dass das ja eine ganz besondere Ausnahmesituation in Elias Fall war. Heutzutage haben wir wohl eher keine Schlachten zu führen und müssen auch vor niemandem flüchten. Viele von uns zumindest nicht, andere leider schon. Unsere Lasten sind die einer anderen Zeit, einer heutigen. Und der Stress ist für viele oft nicht so greifbar wie eine direkte Bedrohung, wie in der Geschichte oben. Unsere Lasten, unser Stresspegel, sind zumeist diffuser.

Doch unserem archaischen Gehirn ist das ziemlich egal. Es kennt Stress aus alter Zeit und geht nicht mit der Zeit mit. Interessiert? Dann findest du hier meinen Artikel Stress verstehen, sowie diesen hier, wenns tiefer gehen soll. 

 

 

 

Wichtiger Verweis, den ich nicht oft genug betonen kann: Ich bin kein Arzt, Mediziner oder Therapeut. Ich bin selbst Betroffener, der sich mit diesen Themen intensiv auseinandersetzt. Dazu ist dieser Beitrag keine theologische Fachauslegung, sondern meine persönliche Lesart eines biblischen Textes im Licht eigener Erfahrung.

Dieser Beitrag berührt das Thema Erschöpfung, Burnout und – im biblischen Text – auch den Wunsch zu sterben. Falls dich das persönlich beschäftigt: Du bist nicht allein damit, und es gibt Unterstützung, die dir helfen kann. Wirklich.

 

 

Quellen

 

  1. Könige 17–19; 2. Könige 2 (Einheitsübersetzung).