Stress verstehen – was Belastung mit uns macht

Stress gehört zum Menschsein. Er ist nichts Modernes und auch nichts grundsätzlich Schlechtes. Ohne Stress hätte der Mensch vermutlich nie überlebt.

Über einen großen Teil unserer Geschichte war Stress ein Schutzmechanismus, eine Reaktion auf Gefahr, auf Unsicherheit, auf Situationen, in denen der Körper schnell handeln musste.

Ein Rascheln im Gebüsch. Ein plötzlicher Schatten. Und schon stand die Gefahr vor einem. Flucht oder Kampf.

Der Körper reagierte sofort. Herzschlag und Aufmerksamkeit stiegen, Energie wurde bereitgestellt, die Sinne wurden schärfer. Eigentlich ein ziemlich kluges System. Und jeder von uns trägt es bis heute in sich.





Was Stress im Körper auslöst

 

Stress ist die Reaktion des Körpers auf Belastung oder eine Herausforderung. Hormone wie Adrenalin und Cortisol versetzen einen in erhöhte Bereitschaft, also wach, fokussiert und schnell reaktionsfähig.

Kurzfristig kann das sogar hilfreich sein. Stress kann die Konzentration steigern, die Leistung pushen, Entwicklung möglich machen. Nicht jede Anspannung ist automatisch schlecht. Der Mensch braucht ja auch Herausforderungen, Bewegung, Aufgaben. Viele Fähigkeiten entstehen überhaupt erst da, wo wir wirklich gefordert werden. Abseits des Komforts und der Bequemlichkeit.





Die verschiedenen Arten von Stress

 

Und Stress entsteht nicht nur auf eine Art. Da ist der körperliche Stress durch Schlafmangel, Krankheit oder Überlastung. Der psychische durch Sorgen, Konflikte oder inneren Druck. Der soziale durch Isolation, Leistungsdruck oder Geldsorgen.

Dazu kommen noch der chemische Stress, etwa durch Alkohol, Nikotin oder dauerhaft zu viel Koffein, der biologische durch Entzündungen oder hormonelle Veränderungen, und der traumatische nach besonders belastenden Erfahrungen.

Und dann unterscheidet man noch zwischen akutem und chronischem Stress. Akuter Stress ist kurz und vergeht wieder. Chronischer entsteht dort, wo echte Erholung immer seltener wird. Oft hört man auch die Begriffe Eustress und Distress, also den positiven Stress, der uns aktiviert, und den negativen, der Körper und Psyche auf Dauer aus dem Gleichgewicht bringt.





Die schwierige moderne Belastung

 

Unser Nervensystem reagiert biologisch noch immer sehr ursprünglich. Für den Körper macht es oft kaum einen Unterschied, ob gerade eine echte Gefahr da ist oder ob dauerhaft psychischer Druck herrscht.

Ständige Erreichbarkeit, Informationsflut, der ewige Vergleich, Geldsorgen, Reizüberflutung von allen Seiten, all das kann das Stresssystem dauerhaft anschalten, obwohl gar keine konkrete Gefahr mehr da ist.

Und der Mensch funktioniert oft einfach weiter, auch dann, wenn die innere Ruhe längst seltener geworden ist.





Wenn Stress Spuren hinterlässt

 

Die moderne Stressforschung nennt das die allostatische Last, also die langsame Abnutzung eines Systems, das über lange Zeit unter Spannung steht.

Chronischer Stress kann auf Schlaf, Konzentration, Erholung, Emotionen, das Immunsystem und sogar auf biologische Vorgänge im Gehirn wirken.

Und vielleicht liegt genau darin eine der größten Tücken moderner Erschöpfung. Dass viele Menschen noch lange funktionieren, während ihr Nervensystem längst versucht, irgendwo wieder Ruhe und Sicherheit zu finden.





Warum Erholung so wichtig ist

 

Der Mensch ist nicht dafür gemacht, dauerhaft unter Spannung zu stehen. Erholung ist keine Schwäche und auch kein Luxus, sondern eine biologische Notwendigkeit.

Schlaf, Bewegung, Natur, soziale Nähe und Momente ganz ohne Reize helfen dem Nervensystem, wieder zwischen Belastung und Sicherheit zu unterscheiden.

Innere Balance beginnt oft mit etwas sehr Einfachem. Mit regelmäßigen Momenten echter Erholung.





Was bleibt

 

Stress wird oft missverstanden. Denn ursprünglich wollte der Körper den Menschen nicht erschöpfen, sondern schützen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Geändert hat sich vor allem die Welt, in der dieses System heute reagieren muss.

Wir unterschätzen wirklich, wie stark dauerhafte Belastung einen Menschen verändern kann. Körperlich, psychisch und neurologisch. In seinem ganzen Wesen.





Michael





Quellen & wissenschaftliche Einordnung

 

Die folgenden Quellen dienen der Transparenz und fachlichen Einordnung.
Sie stellen keine Empfehlung und keinen Ersatz für medizinische Beratung dar.

McEwen, B. S. (2007). Physiology and Neurobiology of Stress and Adaptation: Central Role of the Brain. Physiological Reviews.
McEwen, B. S. & Gianaros, P. J. (2011). Stress- and Allostasis-Induced Brain Plasticity. Annual Review of Medicine.
Schneiderman, N., Ironson, G. & Siegel, S. D. (2005). Stress and Health: Psychological, Behavioral, and Biological Determinants. Annual Review of Clinical Psychology.
Lupien, S. J. et al. (2009). Effects of Stress Throughout the Lifespan on the Brain, Behaviour and Cognition. Nature Reviews Neuroscience.
Sapolsky, R. M. (2004). Why Zebras Don't Get Ulcers.
World Health Organization (WHO). Mental Health and Stress.
Sterling, P. & Eyer, J. (1988). Allostasis: A New Paradigm to Explain Arousal Pathology.
Juster, R. P., McEwen, B. S. & Lupien, S. J. (2010). Allostatic Load: Biomarkers of Chronic Stress and Impact on Health and Cognition. Neuroscience & Biobehavioral Reviews.