Es gab eine Zeit, in der wir Wissen nicht sammelten, um es zu besitzen,
sondern weil man es brauchte. Weil das Leben davon abhing.
Ich schreibe zwar wir, doch ich meine damit unsere menschlichen Vorfahren.
Und ich rede vom Wissen über Pflanzen, schöner gesagt, Pflanzenkunde.
Das war damals weder ein Fachgebiet noch ein Trend, sondern selbstverständliches, alltägliches, gelebtes Wissen.
Wir nutzten sie als Genussmittel, als Heilmittel und beobachteten sie, um daraus seine Schlüsse zu ziehen, Vorhersagen treffen zu können. Noch heute kennen wir das als Bauernregeln. Viele Weisheiten und Reime sind davon noch geläufig, wenn auch nur noch wenigen bekannt.
Nun, was uns aus der schönen Pflanzenwelt half, gaben wir weiter,
was schadete, wurde gemieden.
Oder an den weitergegeben, den man nicht mochte.
Freche Bemerkung, ich weiß, aber so sind wir lieben Menschen eben.
Ursprung: Wissen aus Nähe
Man kann also sagen, dass erste Formen pflanzlichen Wissens nicht aus einer Theorie entstanden sind, sondern aus Nähe zur Natur. Und der Beobachtung an einem selbst, wie das richtige Kräutlein mit der Zeit half – und der Beobachtung an anderen, wie es das nicht tat. Beides hat man sich über die Zeit wohl gemerkt.
Menschen lebten mit den Gezeiten, kannten die Eigenschaften von Wurzeln, Blättern und Blüten.
Nicht alles war erklärbar, vieles aber erfahrbar.
Und das reichte.
Ich behaupte, dass es dabei oftmals nicht um eine Art Optimierung ging, wie es heutzutage vielmals der Fall oder Wunsch zu sein scheint,
sondern um das Zurückfinden in ein gewisses Gleichgewicht.
Antike & Mittelalter: Bewahren und Ordnen
Mit den frühen Hochkulturen begann man, Pflanzen systematischer zu betrachten.
Beobachtungen wurden aufgeschrieben, in Klöstern bewahrt, von Heilkundigen weitergetragen.
Apotheken entstanden. Nicht nur als Orte des Wissens, sondern auch als interessante und vielseitige Krämerläden mit allerlei Kräutern, Gewürzen, Tinkturen und Stärkungen.
Der Anspruch war nicht nur Heilung im modernen Sinne, oder gar Heilung allein,
sondern auch Begleitung in vielerlei Lebensbereichen. Und ein Versuch, den Menschen als Ganzes zu verstehen, und ihm entsprechend etwas anbieten zu können.
Die Neuzeit: Präzision und Fortschritt
Mit der modernen Wissenschaft veränderte sich der Blick grundlegend.
Wirkstoffe wurden isoliert, chemisch nachgebildet, standardisiert.
Das war – und ist – eine enorme Errungenschaft.
Die moderne Medizin hat unzählige Leben gerettet, das lässt sich nicht kleinreden.
Aber mit der Präzision kam auch eine Trennung:
zwischen Körper und Geist, zwischen Funktion und Empfinden.
Pflanzen verloren ihren Platz dabei nie ganz – sie traten jedoch leiser in den Hintergrund.
Warum Pflanzen nie verschwunden sind
Trotz allem blieb pflanzliches Wissen erhalten.
Neben der Medizin und dem Apothekertum auch in Traditionen und Familien, in Küchen- und Teerezepten, in Ritualen und vielem mehr – in dem, was wir heute Pflanzen- und Kräuterkunde nennen, oder Großmutters Geheimtipp.
Nicht als Gegenbewegung zur Wissenschaft,
sondern als stilles Kontinuum.
Pflanzen begleiteten den Menschen weiter – unaufdringlich, selbstverständlich.
Die Rückkehr: kein Rückschritt, sondern Erinnerung
Heute erleben wir eine neue Annäherung an Pflanzen.
Nicht aus Ablehnung gegenüber dem Fortschritt, sondern aus einem echten Bedürfnis.
Der Alltag ist dichter geworden. Voller. Lauter. Und oftmals künstlicher.
In dieser Welt wächst der Wunsch nach Ausgleich.
Nach Dingen, die nicht beschleunigen, sondern ordnen. Die man kennt und deren Namen man aussprechen kann.
Die Pflanze kehrt da nicht als Wundermittel zurück,
sondern als vertrauter Begleiter, der nie wirklich weg war.
Und, der ein natürlicher Begleiter ist.
Uns somit bekannt seit Anbeginn der Zeit.
Das ist es, was wir uns heute so vielfach wünschen: Mehr Natürlichkeit, in einer oftmals künstlicheren Welt. Dazu, etwas Vertrautheit bei so vielen und raschen Veränderungen.
Meine Haltung
Pflanzenkunde ist für mich kein Ersatz und kein romantischer Rückblick.
Sie ist eine bewusste Ergänzung, getragen von Wissen, Sorgfalt und Maß.
Ich glaube nicht an einfache Lösungen,
aber an stille und hilfreiche Begleiter.
Und an damit geschaffene Kompositionen und Kreationen, die nicht eingreifen, sondern ausgleichen. Auf unterschiedliche Weise.
Zurück zu den Wurzeln – nach innen
Zurück zu den Wurzeln bedeutet nicht, zurückzugehen,
es bedeutet, sich zu erinnern.
An das, was den Menschen seit jeher begleitet hat: Natur, Beobachtung, Zeit.
Pflanzen waren nie laut, aber sie waren immer da, von Anfang an – und hatten zu jeder Zeit ihren Stellenwert.
Vielleicht ist genau das ihr größter Wert.
Michael