Goethes Flucht aus dem Burnout

Manchmal brauche ich etwas, das mich zum Schmunzeln bringt. Etwas, das Hoffnung gibt, Inspiration, vielleicht eine alte Sehnsucht weckt. 

So, wie diese packende Geschichte hier. 

 

 

Menschen der Zeitgeschichte und ihr Leben mit seelischen Krisen – Teil 2

 

 

 

3 Uhr morgens, 3. September 1786, Karlsbad. 
Ein Mann packt in aller äußeren Stille seine Sachen, wirft sich in eine Postkutsche und verschwindet in die Nacht, bevor irgendjemand ihn aufhalten kann, ohne sich vorher von irgendjemandem verabschiedet zu haben. Lediglich sein Diener wusste Bescheid. 

Sein eigener Tagebucheintrag beginnt so nüchtern, wie man es sich kaum vorstellen könnte:

„Früh drei Uhr stahl ich mich aus Karlsbad weg, weil man mich sonst nicht fortgelassen hätte.”

 

Der Mann heißt Johann Wolfgang von Goethe.
Zu diesem Zeitpunkt 37 Jahre alt und bereits einer der berühmtesten Schriftsteller Europas, Autor von „Die Leiden des jungen Werther”, der halb Europa zum Weinen gebracht hatte, ja sogar ein „Werther-Fieber“ in der Bevölkerung auslöste. Er reist inkognito – unter dem falschen Namen Johann Philipp Möller.

Kurz: Er hat genug und haut ab.
Oh, wie ich mich darin wiederfinde oder schon wiederfand. Dieser Impuls, einfach zu gehen, alles hinter sich zu lassen, kein Wort mehr zu sagen, nur noch raus und verschwinden im Schutze der Dunkelheit. „I want to break free”.
Mindestens doch für eine Weile.  

 

 

 

 

Nicht der erste Versuch

 

Erwähnenswert: Diese Flucht war keine plötzlich überstürzte Reaktion. Goethe hatte das nicht spontan mal eben so beschlossen, sondern bereits dreimal zuvor versucht, sich nach Italien aufzumachen – vergeblich. Bis eben zu jener Nacht, in der er Nägel mit Köpfen machte. 

 

Dazu finde ich wirklich entscheidend, weil es mir so ein viel besseres Bild zum Verstehen gibt: Goethe war keinesfalls der stets über den Dingen stehende, souveräne Dichterfürst. Er selbst beschrieb rückblickend, dass er „schon von zuhause aus einen gewissen hypochondrischen Zug mitgebracht hatte” – eine Anfälligkeit für Ängstlichkeit, Schwermut und Rückzug, die ihn sein ganzes Leben begleitete. Zeitgenossen und spätere Biografen beschreiben ihn als lebenslang „psychosomatisch labil”. In manchen Phasen soll er monatelang kaum sein Zimmer verlassen haben.

Es gab und gibt Zeiten, da könnte man mir diesen Text mit dem Titel „Selbstbeschreibung” offen auf den Tisch legen, ich würde ihn mit meinem Namen unterzeichnen, so sehr finde ich mich darin wieder. 

 

All dies, so auch hier, nimmt Goethe nichts von seiner Größe. Nein, es macht ihn, zumindest für mich, nur noch greifbarer zu dem, was er tatsächlich war: Ein Mensch, der litt, und der trotzdem – nein, nicht trotzdem, bewusste Korrektur, gerade deswegen – Außergewöhnliches schuf. 

 

 

 

 

Zehn Jahre, die ihm zusetzten

 

Vor der Flucht lagen zehn Jahre am Weimarer Hof. Goethe hatte dort wichtigste Ämter inne. Er war Minister, Mitglied im Rat und so weiter. Die Bürokratie erdrückte ihn jedoch, von seiner Literatur war er dadurch, vor allem mental, meilenweit entfernt. 

Fachautoren beschreiben seinen Zustand in dieser Zeit wie folgt: Niedergeschlagenheit, Erschöpfung, Einsamkeit, Leere, Selbstentfremdung.
Ein medizinhistorischer Fachartikel macht es kurz: „Das, was man heute Burnout nennen würde.“

Und wir alle kennen dieses bekannte letzte Tröpflein, das das Fass zum Überlaufen bringt. Bei Goethe war es sein Verleger. Dieser bot ihm eine Gesamtausgabe seiner Werke an. Nur wurde Goethe damit schlagartig klar, dass es diese Werke nicht gab. Zehn Jahre vergangen und fast nichts Neues mehr geschaffen. 

Dazu die Beziehung zu einer Frau, die sich ebenfalls zunehmend erschöpfte, ohne Aussicht auf Besserung. (Den Kommentar „man kennt's” lasse ich hier mal bewusst weg.)

 

 

 

 

Der Weg selbst als Teil der Heilung

 

Seinen Weg raus – eine Reise ohne Direktverbindung – führte ihn nun über Regensburg, München, Innsbruck, den Brenner, nach Italien. In Venedig allein blieb er siebzehn Tage. Endlich! La bella Italia!

 

Und dann, lang ersehntes Ziel, die ewige Stadt. Rom. 
Seine eigenen Worte dazu sind unmissverständlich:

„Wahre Wiedergeburt von dem Tag, da ich Rom betrat.”

Die Erschöpfung, die ihn Jahre gelähmt hatte, verschwand. Während der italienischen Reise vollendete er Werke, an denen er zuvor jahrelang nicht weitergekommen war.

 

Goethe in der römischen Campagna,
gemalt 1787 von seinem Freund Johann Heinrich Wilhelm Tischbein in Rom.

 

 

 

 

Was nun bleibt

 

Es gibt eben wahrlich nichts Angenehmeres als einen zumindest vorübergehenden Tapetenwechsel, wenn er überfällig ist. 

Und an dem Aufenthalt in Venedig kann man wieder einmal erkennen – schon der Weg selbst, und sei es der Weg raus, ist oftmals das Ziel. 

Aber auch ganz unromantisch: Klar ... Venedig. 

 

 

 

 

Nachdem wir nun gemeinsam einen Moment des Schwelgens genossen haben - kommen wir zum Ende. 
Goethe blieb natürlich nicht bis zu seinem Lebensende in Italien. Nach knapp zwei Jahren – ja, der Mann ließ sich Zeit – kehrte Goethe in seine Heimat nach Weimar zurück. Er kehrte jedoch nicht einfach in sein altes Leben zurück, sondern bat den Herzog ausdrücklich darum, ihn von seinen Verwaltungspflichten zu entbinden, die ihn zuvor restlos ausgebrannt hatten – mit Erfolg.

Seine Flucht hatte ihm somit nicht nur die dringend benötigte Auszeit verschafft, sondern auch den Mut, seine Grenzen klar zu benennen und sein Leben danach anders zu gestalten. Dafür, wofür er sich bestimmt sah. 

 

 

 

Nun, wann kommt deine Postkutsche?

 

 

 

Michael

 

 

Johann Wolfgang von Goethe,
gezeichnet 1828 vom Maler Joseph Karl Stieler

 

 

Wichtiger Verweis: Ich bin kein Arzt, Mediziner, Literaturwissenschaftler im akademischen Sinne oder gar Reiseveranstalter. Ich bin selbst Betroffener, der sich mit diesen Themen intensiv auseinandersetzt. Dieser Beitrag stellt keine medizinische Ferndiagnose einer historischen Person dar, sondern stützt sich auf anerkannte biografische und medizinhistorische Quellen.

 

 

Quellen


 

  • Goethe, Johann Wolfgang von. Italienische Reise. Tagebucheintrag vom 3. September 1786. 
  • Italienische Reise – Wikipedia, abgerufen 2026. 
  • „Goethe als Patient: Schon in jungen Jahren ein 'Kränkling'." Medscape Deutschland, 2023.
  • „Goethes 'Italienische Reise': Ratgeber bei Burn-out." Bookophile, 2023.
  • Holm-Hadulla, Rainer M. Leidenschaft: Goethes Weg zur Kreativität.
  • Technische Universität München, Institut für Geschichte und Ethik der Medizin: zu Goethes psychischer und physischer Konstitution.