„Die Dämonen in mir ängstigen mich nicht mehr“

„In meinem Innern hat sich ein Raubvogel eingenistet. Dessen Klauen haben sich in meinem Herzen festgekrallt, dessen Schnabel hat sich in meine Brust gebohrt, dessen Flügelschlag hat meinen Verstand verdunkelt."

 

„Seit ich denken kann, leide ich unter einem tiefen Angstgefühl, das ich in meiner Kunst auszudrücken versuche."

Edvard Munch

 

 

Menschen der Zeitgeschichte und ihr Leben mit seelischen Krisen – Teil 3

 

 

 

Eine Angststörung als Begleiter des Lebens

 

Diese sch*iß Angst – verzeih' die Ausdrucksweise. Sie kann viel mit sich bringen. 
Die Einsamkeit. Die Isolation. Das gemächliche Ausbreiten eines Schattens über die eigene Seele. Fesselnd. Enger schnürend.

So hässlich. Und doch so vielen von uns so bekannt. Moderner denn je.

 

 

 

 

„Ich, welcher krank in die Welt hineinkam in kranker Umgebung, welchem die Jugend ein Krankenzimmer und das Leben ein strahlend sonnenbeleuchtetes Fenster war. Dort draußen, hier möchte ich gerne im Tanz dabei sein, im Tanz des Lebens.“ 

 

 

„Liebe Tante, wie ihr wisst, habe ich mich in ein Nervensanatorium begeben. Hoffe hier meine unerträgliche innere Unruhe loszuwerden, die mich seit jener Geschichte quält.
Ich erhalte täglich Bäder und soll viel essen, um Fleisch auf die Nerven zu bekommen. Die Kur ist in vollem Gange, werde jeden Tag massiert, gebadet und elektrisiert. Man führt männlich positive und weiblich negative Energie in mein Gehirn ein.“

Pluspol und Minuspol. Damals mit Geschlecht benannt. 
Positiv – aktiv, gebend, männlich;
Negativ – passiv, empfangend, weiblich.

 

 

 

 

Als ich geboren wurde, beeilte man sich mich zu taufen, weil man glaubte, ich würde sterben. Auch meine Mutter hatte damals schon den Keim des Todes in sich. Sechs Jahre später raubte die Schwindsucht fünf kleinen Kindern ihre Mutter.“

 

Mein Vater versuchte uns Vater und Mutter zu sein, aber er war schwermütig mit Perioden religiöser Anwandlung, die an Wahnsinn grenzte. Zeitig genug habe ich von der ewigen Höllenpein gehört, die uns sündige Menschen nach dem Tod erwartet.“

 

 

 

 

Edvard Munch, Melancholie, 1893

 

Die Einsamkeit eines Menschen.
Psychisches Leiden, seelisches Leiden – radikal und einmalig abgebildet bis in die heutige Zeit. 

 

 

 

 

„Ich malte das Bild wiederholt im Laufe des Jahres, kratzte es wieder aus, ließ es in Farben zerfließen, habe es in Terpentin aufgelöst und versucht immer wieder den ersten Eindruck einzufangen. Die durchsichtige blasse Haut, die zitternden Hände.

 

Edvard Munch, Das kranke Kind, 1885/86

 

Erinnerung an den Tod seiner 15-jährigen Schwester Sophie an Tuberkulose.

Auf das fertige Bild schrieb er selbst, oben links: „Kann nur von einem verrückten Mann gemalt worden sein!"

 

 

Als ich am Eröffnungstag den Saal betrat, indem es hing, standen die Menschen dicht gedrängt vor dem Bild. Man hörte Geschrei und Gelächter. "Humbug-Maler", schrien sie mir ins Gesicht. "Du malst wie ein Schwein, Edvard. So kann man Hände nicht malen. Sie sehen aus wie Vorschlaghämmer.

Sie begreifen nicht, dass diese Bilder mit Ernsthaftigkeit gemalt sind, dass sie Ergebnisse schlafloser Nächte sind, dass sie jemandes Blut gekostet haben, jemandes Nerven.“

 

Sichtbare, gar spürbare Verarbeitung. Der Schmerz. Die Rechtfertigung seiner Kunst, die Bewältigung war. Und diese engstirnigen, vermeintlich Kultivierten, die in ihm und seiner Kunst die Barbarei zu sehen meinten. 

 

 

 

 

Sein Vater ist gestorben…

 

 

Ich lebe mit den Toten. Meiner Mutter, meiner Schwester und meinem Vater. Am meisten mit ihm. Wie er doch um meinet Willen gelitten hat.

 

Frankreich. Deutschland. Unstete Orte – stete Geldnot.
Jahre vergehen.
Briefe an die Schwestern Inger, Laura und die Tante Karin.

 

 

Krank, geschwächt, im Hospital liegend über 2 Monate.
Statt Erholung die Nachricht, dass seine Schwester Laura wegen Nervenschwäche in Oslo in die Irrenanstalt eingewiesen wurde. Sie hatte einen Selbstmordversuch unternommen.

 

 

Ihre Anstalt liegt dort, wo Munch ein Jahr später einer Gestalt seine Ohren verschließen und einen Schrei ausstoßen lässt.

 

 

 

 

Der Schrei, 1893

 

„Ich ging mit zwei Freunden die Straße entlang – die Sonne ging unter – ich fühlte einen Hauch von Wehmut. Der Himmel färbte sich plötzlich blutig rot. Ich blieb stehen, lehnte mich todmüde an einen Zaun – sah die flammenden Wolken wie Blut und Schwert über dem blauschwarzen Fjord und der Stadt. Meine Freunde gingen weiter – ich stand da, zitternd vor Angst – und ich fühlte, wie ein langer, unendlicher Schrei durch die Natur ging."

 

„Ich fühlte einen lauten Schrei – und ich hörte wirklich einen lauten Schrei… Die Luftschwingungen brachten nicht nur mein Auge in Schwingungen, sondern auch mein Ohr – denn ich hörte wirklich einen Schrei. Da malte ich das Bild Der Schrei.“

 

 

 

 

Die Angst, 1894

 

 

 

 

„Ein Deutscher sagte zu mir einmal, ich könne durch Behandlung viel von meinem Leiden loswerden.
Ich erwiderte: Die gehören zu meiner Kunst. Ich möchte diese Leiden behalten.“

 

 

 

 

Jahre später, Ende einer zerstörerischen Liebesbeziehung im erneuten Versuch…

 

„Ich wurde gequält und an den Rand des Irrsinns gebracht. Sie gab mir den Todesstoß."

„Ich, der bloß mit schmerzlicher Sehnsucht an meinem Fenster sitze und mich von dem lärmenden, eigenartigen, fürchterlichen Leben umgeben sehe."

„Ich, krank und an Schlaflosigkeit leidend, ließ mich drei Jahre lang bis zum Wahnsinn treiben."

„Ich weiß nicht, was kommen wird. Ich habe das Empfinden, als wäre ich ein kleines Schiff ohne Steuermann. Und das Schiff führe rasch mit der Strömung in unbekannte Fernen.“

 

 

 

 

Selbst-Portrait mit Zigarette, 1895

 

 

 

 

„In Deutschland verfiel ich mehr und mehr einer Nervenkrankheit, die die ständige Verfolgung meiner Person und meiner Kunst hervorgerufen hatte."

 

„Man muss wissen, dass es zwei Munchs gibt, die unterwegs sind."

 

„Ich soff wie ein Besessener. Der Einfluss des Alkohols verstärkte die Spaltung des Gemüts und der Seele bis zum äußersten."

„Zwei zusammengebundene Vögel, die jeder in ihre Richtung zerrten und mit dem Zerreißen der Kette drohten. Ein Streit, ein fürchterlicher Kampf im Käfig der Seele."

 

Seiner Seele.

 

 

 

 

Der Wendepunkt

 

„Der Knacks musste ja kommen. Am Ende eines viertägigen Gelages im Himmel des Alkohols bekam ich einen Nervenzusammenbruch und einen leichten Schlaganfall. Das Gehirn war überanstrengt, weil es sich ständig mit ein und derselben Sache beschäftigte."

 

Was folgte – eigene Klinikeinweisung.
Akustische Halluzinationen, Verfolgungswahn, Lähmungserscheinungen, heftige Stimmungsschwankungen, Depression, dazu die Folgen des Alkohols. Opiumkonsum. Hilflos, für sich selbst zu sorgen. 

Acht Monate Aufenthalt.

 

 

„Sehr unangenehm, das Gefühl, einen Dämon in sich zu haben."

 

 

Lange Zeit der Bettlägerigkeit.
Gefolgt von behutsamem Aufpäppeln mit Therapien.
Herzmassage, Elektrostimulation, geregelte Ernährung, Bäder, Kiefernnadelbäder, Lichtbäder und Frischlufttherapie.

 

Als er stabilisiert war, erlaubte sein Arzt Dr. Jacobson, damalig berühmt, ihm wieder die Kunst – dem Zeichnen und Fotografieren.

 

 

 

 

Dr. Daniel Jacobson, gezeichnet von Munch, 1908

 

„Ich brachte Dr. Jacobson dazu, mir Modell zu stehen. Ich malte sein Porträt in voller Größe. Jetzt war ich Herr der Situation. Ich fühlte, dass ich ihn beherrschte, so wie er mich beherrscht hatte."

 

 

 

 

Edvard Munch, Selbstporträt im Professor-Jacobson-Krankenhaus in Kopenhagen, 1909

 

 

 

Rettung.

 

 

 

Was folgte

 

 

Die Sonne, 1911

 

"Ich sah die Sonne über den Klippen aufgehen – ich malte die Sonne."

 

Und wurde ihr zugewandt. 

 

 

Jahrzehntelanges Leben. Echtes Leben.
Dazu vom Alkohol befreit. Die Bilder prächtig farbiger. 

Sein Biograf fasste es später so zusammen:
„Munch verwandelte den Zusammenbruch
in einen Durchbruch.“

 

Der berühmteste Maler Skandinaviens. 
Die Bilder werden seine Kinder. 

 

Bis seine Augen, durch den grauen Star, ihm im Alter den Pinsel zunehmend aus der Hand nehmen. 

 

 

 

 

„Ich bin in dem einzigen gemütlichen Haus, das ich je besessen habe.
Jetzt herrscht hier Frieden.
Bloß ein paar Schattenbilder der Vergangenheit hier und da.
Aber sie ängstigen mich nicht mehr."

 

 

Edvard Munch (1863-1944)

Bildquelle: National Library of Norway, 
unbekannter Fotograf; Wikimedia Commons, Lizenz: CC BY 2.0

 

 

 

 

Ich verbeuge mich demütig.

 

 

 

Michael

 

 

 

PS.: Es gibt Geschichten – Leben – die packen mich.
Bei denen fühle ich mich nicht mehr allein, fremd.

Meine Intention war zu Beginn, einen Artikel über Angst zu schreiben. Über ihn, Munch – und seine Angststörung. Und dem Durchleben dieser. Das Gemälde mit seiner erlebten Angstattacke ist weltberühmt. Doch ich kam nicht umher, mich mit seinem Leben zu beschäftigen.
Bereits seine ersten Zitate packten mich. Wie ein Phantombild, dass ich wiedererkannte. Ich, der ich den inneren Bewohner, diesen fesselnden Dämon der Angst, am eigenen Leib kenne. 
Seine Geschichte faszinierte mich.
Es gibt womöglich keine Worte, die in diesem Maße würdigen, wie seine eigenen Zitate.

Also bin ich hier still. Lasse ihn zu Wort kommen. Schenke ihm die Bühne… die Tiefe. Und zeige mich demütig. 




 

Wichtiger Verweis: Ich bin kein Arzt, Mediziner oder Kunsthistoriker im akademischen Sinne. Die Zitate stammen aus Munchs eigenen Tagebüchern und Briefen sowie aus der sehenswerten Dokumentation „Edvard Munchs Dämonen" (RBB 2013, Regie: Wilfried Hauke, ausgestrahlt im 3sat).

 

 

Quellen

 

 

  • Munch, Edvard. Das Violette Tagebuch, Eintrag Nizza, 22.1.1892,
  • sowie weitere Niederschriften aus seinem Nachlass.
  • „Edvard Munchs Dämonen." Dokumentation, RBB 2013, Regie: Wilfried Hauke, Ausstrahlung 3sat 2015.
  • Finger, S., & Sirgiovanni, E. (2024). The electrified artist: Edvard Munch's demons, treatments, and sketch of an electrotherapy session (1908–1909). Journal of the History of the Neurosciences.
  • „Edvard Munch's heartblood.“ Tidsskrift for Den norske legeforening, 2025 (Ausstellungsrezension).
  • Die prächtigen Bilder dankenswerterweise aus wikimedia commons.