Oft reden wir über mentale Balance, als wäre sie eine Frage der Haltung, der Disziplin oder des richtigen Mindsets. Und ja, sicher spielt das auch eine Rolle, aber sie ist auch etwas viel Schlichteres. Nämlich das Ergebnis von Vorgängen, die leise im Hintergrund laufen. B-Vitamine gehören zu diesen leisen Vorgängen. Nicht als Hauptdarsteller, sondern als Grundausstattung.
Das Nervensystem arbeitet nicht ohne Substanz
Unser Nervensystem läuft nicht von allein, es braucht Material, um zu arbeiten. B-Vitamine liefern einen Teil davon.
Sie sind dabei, wenn der Körper Botenstoffe herstellt – jene Neurotransmitter wie Serotonin, Dopamin und GABA, über die unsere Nervenzellen miteinander sprechen.
Sie sind dabei, wenn das Gehirn Energie gewinnt, wenn Reize weitergeleitet werden, und im autonomen Nervensystem, das im Hintergrund Herzschlag und Atmung steuert, ohne dass wir je daran denken.
Dass mehrere B-Vitamine zu einer normalen Funktion des Nervensystems, zu einer normalen psychischen Funktion und zur Verringerung von Müdigkeit beitragen, ist wissenschaftlich anerkannt. Fehlt diese Grundlage, bricht nichts schlagartig zusammen, es verschiebt sich jedoch langsam und leise, bis irgendwann etwas nicht mehr rund läuft.
Stimmung ist auch Biochemie
Was wir Stimmung nennen, ist nie nur Kopfsache.
Mehrere große Auswertungen vieler Studien haben sich angeschaut, wie die Versorgung mit bestimmten B-Vitaminen und das seelische Befinden zusammenhängen.
Immer wieder zeigte sich ein Muster. Eine dieser Arbeiten (Young et al., 2019) fasst zusammen, dass vor allem B6, B9 (Folat) und B12 in diesem Zusammenhang untersucht wurden. Beobachtet wurden Verbindungen zwischen niedrigen Werten und der Stimmungslage – und Hinweise darauf, dass eine zusätzliche Einnahme stabilisierend wirken kann. Vor allem dann, wenn vorher zu wenig da war. Nachvollziehbare Logik.
Folat & Vitamin B12 – zwei Schlüsselfaktoren
Am genauesten betrachtet wurden bisher zwei: Folat, also Vitamin B9, und Vitamin B12. Beide stecken tief in der Grundmechanik des Gehirns – in grundlegenden biochemischen Abläufen (der sogenannten Methylierung), in der Bildung von Botenstoffen und in der Anpassungsfähigkeit der Nervenzellen. Desweiteren tragen sie zu einer normalen psychischen Funktion sowie zur normalen Funktion des Nervensystems bei. Fehlt hier etwas, merkt man es selten zuerst an der Leistung, sondern an der Stabilität. An der inneren Ruhe, die plötzlich brüchiger ist, ohne dass man sagen könnte, warum.
Stress erhöht den Bedarf
Und dann ist da noch der Stress.
Stress verbraucht B-Vitamine. Und das ganz real, im Stoffwechsel.
Unter Druck verbraucht der Körper mehr Botenstoffe, das Gehirn fordert durch seine Mehrleistung entsprechend mehr Energie, die körpereigenen Stresssysteme laufen heißer. All das kostet. Und so kommt es, dass gerade Menschen mit viel Belastung oft niedrige Werte haben – selbst dann, wenn die Ernährung eigentlich in Ordnung ist.
B-Vitamine & Magnesium – ein funktionelles Team
Doch auch hier gilt: ein Stoff allein macht selten den Unterschied.
Mehrere Untersuchungen haben Magnesium zusammen mit Vitamin B6 betrachtet, bei Menschen mit starkem Stress und niedrigen Magnesiumwerten. Die Kombination war mit deutlicheren Verbesserungen verbunden als Magnesium für sich genommen.
Das passt ins Bild, denn Magnesium hilft, dass Nervenzellen nicht überdrehen, B-Vitamine liefern das Material für Botenstoffe und Energie.
Keine Wirkung ohne Grundlage
B-Vitamine wirken nicht spektakulär. Man spürt sie nicht anfluten und sie machen keine gute Laune auf Knopfdruck. Sie tun etwas Unscheinbareres, aber Wichtigeres: Sie sorgen dafür, dass das Nervensystem überhaupt in der Lage ist, sich selbst zu regulieren. Kein großer Auftritt, eher das stille Fundament darunter.
Einordnung
B-Vitamine sind keine Medikamente. Sie ersetzen keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung. Dieser Beitrag ordnet ein und beschreibt beobachtete Zusammenhänge. Er gibt kein Heil- oder Wirkversprechen.
Michael
Quellen & wissenschaftliche Einordnung
Die folgenden Quellen dienen der fachlichen Einordnung und Transparenz.
Sie stellen keine Empfehlung und keinen Ersatz für medizinische Beratung dar.
Young, L. M. et al. (2019). B-vitamin supplementation and mood: a systematic review. Nutrients.
Almeida, O. P. et al. (2010). Folate and vitamin B12 deficiency in depression. Am J Clin Nutr.
Sánchez-Villegas, A. et al. (2009). Vitamin B6 and B12 and depression risk. Am J Clin Nutr.
Coppen, A., Bolander-Gouaille, C. (2005). Folate and B12 in depression. J Psychopharmacol.
Serefko, A. et al. (2020). Magnesium in mental disorders. Nutrients.
EFSM (2021). Magnesium and Vitamin B6 in severe stress and hypomagnesaemia.
Lopresti, A. (2020). Nutritional and herbal supplements on mood and anxiety. Adv Nutr.