Es gibt Momente, die magisch sind. Ganz seriös gemeint.
Über einen ganz besonderen von ihnen möchte ich jetzt schreiben.
Es sind Momente, in denen plötzlich alles leichter wirkt.
Gedanken laufen tiefer und klarer, die Zeit fühlt sich anders an, und für einen Augenblick verschwindet dieses innere Hintergrundrauschen, das viele Menschen ständig begleitet. Man arbeitet, schreibt, läuft, fährt oder erschafft etwas und geht vollständig darin auf.
Ich finde, man kann sich kaum schöner verlieren.
Die Psychologie nennt diesen Zustand Flow. Tiefe Konzentration, bei der Aufmerksamkeit und Handlung beinahe verschmelzen, erstaunlich klar und ganz ohne Hektik.
Wobei selbst das Wort „Klarheit" hier fast unpassend wirkt. Zu nüchtern irgendwie. Denn wer wirklich im Flow ist, nimmt sie gar nicht mehr als solche wahr. Sie ist einfach da.
Gut möglich allerdings, dass uns echte Klarheit heute generell fremder geworden ist und wir deshalb so reagieren.
Wenn Denken leiser wird
Bekannt wurde der Flow-Zustand vor allem durch den Psychologen Mihály Csíkszentmihályi. Er beschrieb ihn als einen Moment vollständiger Vertiefung, einen Zustand, in dem der Mensch ganz in einer Tätigkeit aufgeht.
Bemerkenswert ist, dass Flow meist nicht in völliger Entspannung entsteht, sondern genau zwischen Überforderung und Langeweile. Die Aufgabe verlangt unsere volle Aufmerksamkeit, ohne uns innerlich zu blockieren.
Vielleicht fühlt sich Flow gerade deshalb so besonders an, weil der Geist für einen Moment aufhört, sich selbst zu stören.
Die Geschichte von Ayrton Senna
Der legendäre Rennfahrer Ayrton Senna beschrieb einmal einen Moment während des Formel-1-Qualifyings in Monaco 1988, der beinahe unwirklich klingt.
Alles habe sich plötzlich langsamer angefühlt, obwohl er schneller fuhr als je zuvor. Und das bei Regen. Er dachte nicht mehr bewusst nach, er agierte einfach.
Später sprach Senna davon, sich gefühlt zu haben, als fahre er „in eine anderer Dimension".
Gerade das macht seine Beschreibung so faszinierend. Flow fühlt sich oft kaum wie Anstrengung an, obwohl wir in solchen Momenten Höchstleistung bringen.
Wir erleben selten, wozu unser Geist eigentlich fähig wäre, weil unsere Aufmerksamkeit heute kaum noch lange genug an einem Ort bleibt.
Und so beeindruckend ein solcher Moment ist, etwas daran bringt mich doch zum Schmunzeln. Wie der Mensch, der zu so Großem fähig ist, sich beinahe vor sich selbst zu fürchten beginnt, sobald er einmal wirklich erlebt, wozu er fähig ist. Wir sind es wohl nicht gewohnt.
Die Welt der Unterbrechungen
Flow braucht Tiefe. Und Tiefe braucht Zeit.
Genau daran mangelt es der modernen Welt zunehmend.
Benachrichtigungen, schnelle Reizwechsel und Reizüberflutung, dazu permanente Erreichbarkeit. Der Geist springt weiter, noch bevor Gedanken überhaupt Wurzeln schlagen können.
Vielleicht erklärt das, warum viele Menschen heute nicht unbedingt körperlich erschöpft sind, aber mental dauerhaft ermüdet wirken. Das Nervensystem bleibt gewissermaßen geöffnet, immer bereit für den nächsten Reiz. Und das kostet uns. Viele wissen um den Preis, sie spüren ihn. Manch einer mehr, andere weniger.
Flow entsteht meist dort, wo die Aufmerksamkeit für einen Moment ganz bei einer Sache bleiben darf.
Was im Gehirn passiert
Flow ist bei Weitem nicht nur ein Gefühl. Er lässt sich neurologisch beobachten.
Studien zeigen, dass sich während tiefer Flow-Zustände bestimmte Bereiche verändern, die unter anderem mit Selbstbeobachtung und Grübeln verbunden sind. Gleichzeitig steigt die Fokussierung auf die unmittelbare Tätigkeit.
Dabei ist der Mensch keineswegs weniger bewusst. Er ist vollkommen im Fokus, weniger innerlich zerteilt.
Viele empfinden Flow gerade deshalb als so erfüllend, fast magisch im Nachhinein. Weil der innere Widerstand für einen Moment leiser wird oder sich ganz verabschiedet.
Wenn Konzentration Spuren hinterlässt
Ich denke, man erkennt solch eine tiefe Präsenz sogar daran, was Menschen erschaffen.
Ich nenne als Beispiel alte Bibliotheken, Kathedralen und Tempel. Architektur, die selbst nach Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden, noch etwas ausstrahlt.
Vieles davon wirkt, als sei es unter völliger Hingabe entstanden, in einer Zeit, die solche Vertiefung noch zuließ.
Moderne Architektur oder Musik dagegen erscheint oft, als wäre sie vor allem dafür gemacht, schnell konstruiert und ebenso schnell wieder vergessen zu werden. Häufig ohne jene Seele oder Kultur, die Dinge über Generationen hinweg bestehen lässt und ihnen wahre Identität verschafft.
Uns fehlt nicht nur Ruhe, sondern Tiefe. Jene Form von Hingabe, aus der echte Dinge entstanden sind und immer noch entstehen können.
Mir kommt gerade ein Beispiel in den Kopf. Der Wiederaufbau der Kathedrale Notre-Dame. Er verbindet historische Handwerkskunst mit modernster Technik, getragen von tiefer, menschlicher Motivation und Hingabe. Eine absolute Meisterleistung.
Warum wir uns nach Flow sehnen
Menschen suchen diesen Zustand wahrscheinlich schon immer. In der Musik, im Sport, im Schreiben, in der Natur, im Wasser, im Malen, sogar im Gaming.
Immer dort, wo die Wahrnehmung unmittelbarer wird und das Denken aufhört, gegen sich selbst zu arbeiten.
Flow bedeutet vielleicht nicht, sich zu verlieren, zumindest nicht im negativen Sinne, sondern für einen Moment ganz bei sich zu sein.
Was bleibt
Flow ist womöglich gar kein Ausnahmezustand, auch wenn wir ihn selten erreichen.
Er erinnert uns eher daran, wie der menschliche Geist ursprünglich gedacht war: nicht dauerhaft unterbrochen, nicht permanent beschleunigt, nicht ständig zerteilt, sondern fähig, vollständig in etwas aufzugehen.
Etwas, wonach sich heute mehr und mehr Menschen sehnen. Innere Einheit.
Mich hat die Erzählung von Ayrton Senna sehr fasziniert. Vielleicht bin ich da voreingenommen, denn fasziniert hat mich schon er selbst. Was für ein Rennfahrer. Was für eine Persönlichkeit.
Michael
Quellen & wissenschaftliche Einordnung
Die folgenden Quellen dienen der Transparenz und fachlichen Einordnung.
Sie stellen keine Empfehlung und keinen Ersatz für medizinische oder psychologische Beratung dar.
Csíkszentmihályi, M. (1990). Flow: The Psychology of Optimal Experience.
Nakamura, J. & Csíkszentmihályi, M. (2002). The Concept of Flow.
Max-Planck-Gesellschaft (2021). Flow erleben: Ein natürlicher Schutzschild gegen psychische und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Quarks Wissenschaftsredaktion. Flow – warum Menschen in bestimmten Momenten über sich hinauswachsen.
Wirtschaftspsychologische Gesellschaft München. Flow-Erleben und psychische Gesundheit.